Zigeuner am Schwarzen Meer
[Hrsg.: Elena Marushiakova / Udo Mischek / Vesselin Popov / Bernhard Streck]
In Südosteuropa reicht der riesige eurasische Steppengürtel bis
zum Kaspischen und Schwarzen Meer; dahinter türmen sich Gebirge
und Hochländer auf: Kaukasus und Armenien, Pontisches Gebirge und
Anatolien, die Rhodopen, der Balkan und die Karpaten. Aus dem Gegensatz
zwischen den nördlichen Tiefländern mit seinen unruhigen Hirtenvölkern
und den südlichen Bergländern mit alter Bauern- und Schäferbevölkerung
sind die ersten Stadt- und Reichskulturen erwachsen, mit Königen
und Priestern, Handwerkern und Bauern, Hirten und Händlern, Sängern
und Bettlern - alle gleichsam eingerührt in den Wirbel des von den
alten Griechen so genannten Meeres der Gastfreundschaft (Pontos
Euxeinos). Der vorliegende Band möchte aus dem Völkerreigen, der
sich seit undenklichen Zeiten im Hinterland der Häfen des Schwarzen
Meeres immer neu entfaltet, die aus diesem Raum wenig bekannten
Zigeuner vorstellen; das sind kleine Gruppen und Familien, die bei
all ihren verschiedenen Gewerben, Sprachen und Sitten eines gemeinsam
haben: das spannungsreiche Verhältnis zur Mehrheitsbevölkerung.
Auch wenn der Schwarzmeerraum unter griechischer, byzantinischer
und osmanischer Herrschaft einheitlich geprägt war und die Moderne
die Anrainerstaaten erneut im Erscheinungsbild nivelliert, so vereinigt
er doch sehr ungleiche Kulturströme. Die Zigeuner, die an all diesen
historischen Bindungen und Lösungen nahe dem Schnittpunkt der Kontinente
Asien, Europa und Afrika teilhatten, spiegeln deren Vielfalt auf
eine ganz besondere Weise. Sie haben es über Jahrhunderte verstanden,
die Zwischenräume der herrschaftlichen Blöcke auszufüllen und damit
die dominanten Räume im Frieden wie im Krieg auf eine spezielle
Art zu verbinden. Zigeuner sind hier im zirkumpontischen Zentrum
der Alten Welt schon immer zu Hause gewesen; sie sind gleichermaßen
Westasiaten wie Nordostafrikaner und Südosteuropäer. In allen drei
Kontinenten konnten sie sich verbreiten und ab dem 16. Jahrhundert
auch in die Neue Welt auswandern. Sie gehören zur Weltzivilisation
als das jeweils andere der Dörfler, der Städter und der staatlichen
Ordnungen im Morgen- wie im Abendland.
FTF
- Forum Tsiganologische Forschung an der Universität Leipzig
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